Wenn ich mich nicht zu einer Schwimm-Veranstaltung anmelde werde ich faul und trainiere nicht. Deshalb suche ich mir fast jedes Jahr etwas das nach Genuss und/oder Spaß klingt. Da dieses Jahr mein 50. Geburtstag anstand sollte es aber etwas Besonderes sein, die Ibiza Blue Challenge. Dabei kann man aus 2 Strecken auswählen und zwischen den Inseln Ibiza und Formentera schwimmen. Ich habe mich für die kürzere Variante von 12km entschieden, da ich nicht so trainieren konnte wie ich mir das vorgestellt hatte. So habe ich im Januar begonnen mich auf das Schwimmen vorzubereiten. Bis September wurden die Trainings häufiger und immer länger. Trainiert habe ich ab Mai überwiegend im 50m Freibad und wenn möglich auch in der Enz. Zudem hatte ich einige Male die Möglichkeit im Meer zu trainieren, in Bahrain, und in Spanien bei unserem Open Water Camp in Juni. Einmal bin ich 10km im Freibad geschwommen, da ich aufgrund des Wetters nicht in die Enz konnte, sehr langweilig und zermürbend, aber gutes Training für den Kopf.
Die Challenge kann man über die Website ibizabluechallenge.com buchen. Da mein Geburtstag Ende September ist haben wir da also einen Ibiza-Urlaub gebucht, und ebenso die Challenge. Da der genaue Tag vom Wetter abhängig ist mussten wir das vor Ort festlegen. Gleich am Tag nach unserer Ankunft habe ich mich mit Juanjo Serra getroffen, Gründer von Ibiza Blue Challenge und Schwimmlegende (er schwamm 88km von Dénia nach Ibiza). Sofort war klar dass er weiß was er da tut, und wie viel Erfahrung er hat. Aufgrund des Wetters hat er den Samstag, 23. September 2023 als Tag an dem die Challenge starten soll festlegt. Ob ich von Ibiza nach Formentera schwimme oder umgekehrt wollte er beim Start entscheiden, wenn klar ist wie Wind und Wellen sind. Zudem haben wir besprochen wie oft wir Verpflegungs-Pausen machen und allgemeine Dinge zum Ablauf. Ich war also beruhigt und konnte die Tage bis zum Start genießen und noch ein kleines Training im Meer machen.

Dieses Bild zeigt den Morgen an dem wir uns am Salinas Beach trafen um mit dem Boot zu einem Felsen (Cap des Falco) zu fahren wo der eigentliche Startpunkt lag. Gefahren wurde das Boot von Juanjos Frau Bea., ebenso an Bord war Inma, eine Rettungsschwimmerin die bei Bedarf medizinische Erstversorgung leisten konnte. Bei deren Anfahrt zum Treffpunkt am Strand wurde klar in welche Richtung es geht, ich sollte also von Ibzia nach Formentera schwimmen. Das Meer war ruhig, ich eher nervös. Trotzdem konnte ich es kaum erwarten endlich loszulegen. So sprang ich gegen 8.30 Uhr in warmes, weiches und sehr salziges Wasser und begann zu schwimmen. Zu Beginn ging das ganz prima, es gab kaum Bewegung im Wasser so dass ich gut voran kam. Auch die Verpflegung klappte und ich fühlte mich gut. Doch bald wurde das Wasser unruhig und konfus, bis hin zu Wellen die mich stark herausforderten. Ich habe zwar im Fluss gegen die Strömung trainiert, aber Wellen gab es da natürlich nicht. Auch meine Trainings in Bahrain und Spanien waren nicht mit diesen Bedingungen vergleichbar, ich musst kämpfen. Juanjo mit seinem roten Kajak, immer an meiner Seite, war mir eine große Hilfe.

Über Stunden hinweg sah ich nur das blaue Wasser unter mir, den blauen Himmel über mir, und Juanjo mit seinem roten Kajak neben mir. Ab und zu winkte er mit einer Trinkflasche, dann wusste ich, ich hatte wieder eine halbe Stunde überstanden. In einer der Pausen sagte er mir dann es sei windstill. Diese Wellen und konfusen Wasserbewegungen seien die normalen Bedingungen die an der Durchfahrt zwischen den Inseln immer herrschte. Ich sah ein träges Containerschiff in einiger Entfernung hinter mir, und hatte das Gefühl es kämpfte wie ich gegen wie Wassermassen. Ich kämpfte mich weiter, von Pause zu Pause, und war erstaunt dass mir noch nichts weh tat. Meine Schultern waren fit, auch mein Nacken war locker, nichts war verspannt oder schmerzhaft. Juanjo fragte mich immer wieder ob mir kalt sei, aber das war nicht der Fall. Mit 26 Grad war das Wasser deutlich wärmer als ich es von meinem Training gewohnt war. Es ging allerdings nur wenig vorwärts. Ich bin kein schneller Schwimmer, so dass die Strömung von der Seite mich deutlich von der geplanten Route abtrieb. „Dagegen kann man nichts machen“ beruhigte mich Juanjo „sobald die Strömung nachlässt werden wir das korrigieren“. Die Aussicht das sich die Bedingungen bessern könnten beflügelte mich, und ich schwamm mit Begeisterung weiter. Fragen wie weit wir schon sind wollte ich nicht, das hatte ich mir ganz fest vorgenommen. Denn meist glaubt man schon viel weiter zu sein als man ist, und die Realität zieht einen mental in ein tiefes Loch, das wollte ich vermeiden. Doch bei den Stopps sah ich Ibiza langsam in die Ferne rücken, Formentera war allerdings auch noch weit weg. Ich redete mir ein dass das Wasser ruhiger wurde, auch wenn ich es nicht wirklich spürte. Irgendwann zeigte Juanjo nach vorne und sagte: „Siehst du den Turm? Da müssen wir hin“. Ich sah nur blaues Wasser, denn ich war ja deutlich tiefer als er in seinem Kajak, dennoch machte mir es Mut. Ich solle einfach seinem Kajak folgen, die Spitze davon zeige immer zum Ziel sagte er mir dann. Da ich das ohnehin schon tat schwamm ich einfach weiter wie zuvor.
Im letzten Drittel der Strecke schluckte ich einmal gleich nach einer Pause, als ich wieder los schwimmen wollte, eine volle Ladung Salzwasser. Das Salz machte mir ohne hin zu schaffen, ich hasste es von Stunde zu Stunde mehr. Diese große Menge Salzwasser aber zu schlucken war definitiv zu viel, ich musste mich sofort übergeben. Der Magen entleerte sich komplett, und mir ging es wieder gut. Nach ein paar Minuten ging es wieder weiter, und mein Bauch fühlte sich tatsächlich besser an als zuvor. Das mit dem Essen war wohl doch nicht ganz das Richtige und wir beschlossen erstmal nur noch zu trinken bei den Pausen. Da es gut funktionierte ließen wir es dann dabei bis zum Schluss.
Ich konnte nun tatsächlich den Turm sehen der mein Ziel sein sollte, nahe Punta de Sa Gavina. Allerdings hatte ich nun Schmerzen in der linken Schulter bekommen. Wie sich später herausstellte war ich da schon ungefähr 9 Stunden geschwommen. Alle Versuche die Armbewegung zu optimieren oder zu ändern brachten nichts, sie tat einfach weh und es wurde schlimmer. Der Turm war zum Greifen nah, Juanjo sagte mir es seien nur noch 500m. Ich war erleichtert, nur noch 500m! Das konnte ich in Brust schwimmen, und dabei tat die Schulter überhaupt nicht weh. Und so gab ich Bescheid dass das mein Plan war, und schwamm voller Elan los um die Sache zu Ende zu bringen. Der Turm war schräg rechts vor mir, und ich schwamm und schwamm. Nach einer gefühlten Ewigkeit war der Turm noch immer in der gleichen Entfernung, jedoch nun links vor mir. Die Strömung hatte sich geändert und gegen uns gerichtet. Vorbeifahrende Boote und Yachten machten die Sache nicht besser. Die von ihnen erzeugten Wellen ließen mich mächtig schaukeln und immer wieder stoppen. Vor dem Turm war ein riesiger Fels im Wasser, das sollte das endgültige Ziel sein, denn der Turm war auf einer Klippe. Wir sind am Ende über eine Stunde vor diesem Felsen getrieben und geschwommen, dann beschloss ich die Richtung ein klein wenig zu ändern und den Felsen in einem anderen Winkel anzuschwimmen, mich vom Kajak etwas abzuwenden, und plötzlich ginge es vorwärts! Mit kräftigen Zügen konnte ich mich dem Felsen nähern, aber anfassen konnte ich ihn am Ende nicht. Die Brandung war zu stark, ein Näherkommen zu gefährlich. So beschloss Juanjo plötzlich dass es genug sei, ich hatte es geschafft, die Challenge war bestanden. Begeisterungsrufe kamen vom Boot, die Mädels jubelten mir zu, ich hatte es geschafft.

Insgesamt bin ich 16km in 10 Stunden und 20 Minuten geschwommen. Das ist mehr als ich für möglich gehalten hätte, und mehr als die doppelte Zeit die ich jemals zuvor am Stück im Meer geschwommen bin. Es beweist mal wieder dass man zu mehr in der Lage ist als man glaubt!

Die Challenge war gut organisiert, ich habe mich zu jedem Zeitpunkt sicher gefühlt und gut betreut. Juanjo und Bea sind wundervolle Menschen die ihre Arbeit mit viel Begeisterung und Liebe machen. Ich kann nur empfehlen an einem der Events die sie organisieren teilzunehmen.

